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Hungry Ghosts: Die unstillbare Sehnsucht.

 „Eines Tages in Plum Village sah ich zufällig eine junge Frau, die alleine spazieren ging. Und ich hatte das Gefühl, dass sie kein menschliches Wesen sei – sie war wie ein Geist. Mir war sofort klar, dass sie einer der Hungergeister unserer Gesellschaft ist: aus einer zerrütteten Familie, aus einer Gesellschaft, die dich nicht anerkennt, die dich leiden lässt; aus einer Tradition kommend, die nicht fähig ist, dich zu nähren, mit dir zu kommunizieren.“

 

Hungry Ghosts, Hungergeister. So beschreibt der Zen-Meister und Mönch Thich Nhat Hanh nicht etwa die Seelen Verstorbener, sondern Menschen aus Fleisch und Blut, denen etwas ganz Essentielles fehlt. Verwurzelung. Anbindung. Geborgenheit.

 

Dabei geht es ganz sicher nicht darum, wie viele facebook-Freunde, wie viele likes oder follower jemand hat. Hier geht es um das Thema der Familie, der Herkunft. Wenn wir uns von unserer Familie entfremdet haben, wenn es Streit gab, einen Bruch, Ablehnung, dann haben wir die Anbindung zu unserer Familie und zu unseren Ahnen verloren.

 

Die Wurzeln, die Familie gehören energetisch zum ersten Energiezentrum, zum Muladhara Chakra im Bereich des Beckenbodens. Wenn dieses Energiezentrum in Balance ist, dann sind wir großzügig und offen, dann fühlen wir uns sicher, haben ein Urvertrauen zum Leben und in allen Lebenslagen, denn tief in uns verankert ist das Gefühl, genug zu haben: zu essen, zu trinken, Liebe, Aufmerksamkeit, alles, was uns als Lebewesen und soziales Wesen nährt.

Ist das erste Chakra blockiert, dann füllt sich unser Leben mit Ängsten, Neurosen, Neid, Geiz und Gier. Mit Sucht nach Aufmerksamkeit, mit Eifersucht und es ist nie genug, egal wie viel wir haben oder bekommen.

 

Die Hungry Ghosts kommen im Lebensrad des Mahayana Buddhismus vor, wo sie als hungrige Geister von Verstorbenen dargestellt werden.

Als mythologische Figur sind ihre Bäuche aufgebläht, ihre Hälse lang und dürr. Die Hälse sind so dünn wie eine Nadel. Das macht es ihnen natürlich schwer, gerade das aufzunehmen, was sie doch so sehr wollen: Nahrung. Der Versuch zu essen bereitet ihnen unendliche Schmerzen und so können sie niemals satt werden, ihre großen Bäuche sich nicht füllen. Im Buddhismus stehen die Hungergeister für ein Leben, in dem es immer nur um die Materie, den Körper ging. Im Buddhismus ist das gleichbedeutend damit, eine Illusion füttern zu wollen, weil alles, was vergänglich ist, Illusion ist.

 

Diese Hungry Ghosts sind aber, wie Thich Nhat Hanh es so treffend beschreibt, mitten unter uns. Menschen, die alles haben wollen, alle Dinge, alle Informationen, alles Können, alle Aufmerksamkeit, alle Liebe, denn sie brauchen die Bestätigung ihres Selbst im Außen, weil es im Inneren fehlt. Sie sind wie eine Blume ohne Wurzeln, die sich aus eigener Kraft nicht nähren kann, weil ihr etwas fehlt, was eigentlich essentiell zu ihr gehört. „Es ist sehr schwierig einem Hungry Ghost zu helfen.“ , sagt Thich Nhat Hanh. Denn egal was man zu geben hat, er kann es kaum an- oder aufnehmen und es ist nie (gut) genug, nie das Richtige. Und sie können nicht leicht vertrauen. Vertrauen aufzubauen ist die Voraussetzung dafür, dass man einem Hungry Ghost helfen kann. Dieses fehlende Vertrauen entsteht meist durch ihre Erfahrungen: Sie wurden nicht genug geliebt, nicht verstanden, nicht gehört oder gesehen und nicht so angenommen, wie sie sind. So stellt Thich Nhat Hanh fest: „Unsere Gesellschaft ist so, dass sie tausende Hungergeister erschafft.“ Ein Umdenken ist nötig. Zum einen sollten wir darauf achten, nicht noch mehr Hungergeister zu erschaffen, das simpelste Mittel ist Liebe. Zum anderen sollten wir versuchen, die bereits existierenden zu verstehen, ihr Leid, anstatt sie für alles verantwortlich zu machen. Selbst, wenn sie schwierig sind.

 

Die Hungergeister sind auf der Suche nach Liebe und Verständnis und nach etwas, an das sie glauben können. Sie reagieren mit Wut, sie sind oft wütend auf alle und alles, auf sich selbst ebenso wie auf die Gesellschaft. Energetisch gesprochen befinden sie sich in einer großen Ohnmacht: Eine Kapsel, in der man steckt, ohne vor oder zurück zu kommen, ohne, dass von außen etwas helfen könnte, dieses Gefühl der Verzweiflung und des Nichtangebundenseins aufzulösen.

 

Dieser Zustand muss nicht ewig andauern.

Das wichtigste für einen Hungry Ghost ist es, seinen Zustand zu erkennen und nicht auf Futter von außen zu hoffen, das ihn ohnehin nicht heilen kann. Ich selbst war ganz sicher auch einmal ein Hungergeist. Anfang zwanzig hatte ich keinen Halt, ich war entwurzelt, hatte in dieser Zeit weder enge Bindung an meine Familie noch ein spirituelles Zuhause. Damals lief vieles schief und ich fühlte mich orientierungslos. Erst als ich mit meiner Familie wieder in Harmonie war und dann auch noch ein Meditationszentrum fand, in dem ich mich gut aufgehoben fühlte, wendete sich das Blatt und ich wurde wieder ein Mensch.

Thich Nhat Hanh betont, dass es wichtig ist, an diese beiden Familien angebunden zu sein: an die Herkunftsfamilie (besonders an die Eltern) und an die spirituelle Familie (an den Meister, den Rabbih, den Priester, Pfarrer...). Ich würde die spirituelle Familie noch weiter fassen, da nicht jeder einer Glaubensgemeinde angehört. Daher ergänze ich: Wer im Streit mit Gott, dem Universum, der allumfassenden Lebenskraft ist oder sie nicht beachtet und sich selbst als den Nabel der Welt betrachtet, sodass alle Kraft aus ihm selbst kommen muss, auch dem fehlt die spirituelle Heimat.

Aus diesen beiden Richtungen kommen also die Wurzeln, durch die wir uns nähren können und durch sie entsteht eine natürliche innere Stärke. Dann können wir ganz sein und uns geborgen fühlen. Nichts, das von außen kommt, könnte diese innere Kraft ersetzen.

 

WAS ALSO TUN?

  • Sich versöhnen, wo es nur möglich ist.

    Man kann sich selbst mit Menschen versöhnen, die nicht wollen – indem man ihnen vergibt und sie einfach liebt, auch wenn sie nicht zurücklieben. Wahre Liebe fordert nicht. So kann man sich auch mit verstorbenen Menschen versöhnen, es ist nie zu spät.

    Ein wunderbares Hilfsmittel zum Versöhnen ist die Hawaiianische Vergebungsmeditation Ho'oponopono.

    Ho'oponopono bedeutet, zu handeln, etwas auszugleichen und dadurch in Harmonie und letztendlich in Vollkommenheit zu bringen. Genau das ist es, was wir brauchen, wenn wir entwurzelt sind.

    Vergebung kann sowohl von einem Hungry Ghost selbst praktiziert werden, genauso aber auch für ihn.

  • Thich Nhat Hanh bietet den Hungry Ghosts, die nach Plum Village kommen, eine besondere Meditation in zwei Stufen an:

    I.: Einatmend sehe ich mich selbst als ein fünfjähriges Mädchen (bzw. als einen fünfjährigen Jungen) – ausatmend lächle ich diesem fünfjährigen Mädchen (bzw. Jungen), das (bzw. der) ich bin, zu.

    Dieses Lächeln ist ein Lächeln des Mitgefühls, des Verstehens, was vielleicht in dieser frühen Lebensphase, in der wir noch so verletzlich waren, gefehlt hat.

    Nach ein, zwei Wochen mit dieser Variante kann man zu Stufe zwei übergehen:

    II.: Einatmend sehe ich meinen Vater als fünfjährigen Jungen (bzw. meine Mutter als fünfjähriges Mädchen) – ausatmend lächle ich diesem fünfjährigen Jungen, der mein Vater war (bzw. Mädchen, das meine Mutter war), zu.

So finden wir die Verbindung wieder, die den Hunger stillt. Wir waren alle mal so jung und verletzlich. Und wir haben uns alle nur nach demselben gesehnt: Nach Liebe, Verständnis und Akzeptanz. Als Hungergeist genau diese Sehnsüchte sich selbst zu geben und sogar denen, mit denen es schwierig ist, die uns vielleicht verletzt, vernachlässigt haben, darin sieht Thich Nhat Hanh den Ausweg aus dem Leben als ein Hungry Ghost.

 

 

 

Quelle

Thich Nhat Hanh "Helping Hungry Ghosts"